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![]() Eine Heimeinweisung war dringend erforderlich Ich wurde 1940 als drittes Kind meiner Eltern geboren. Es war Krieg, unser Vater war eingezogen, und die Mutter vergnügte sich des öfteren mit Wehrmachtssoldaten, so stand es in meiner Heimakte in einem amtlichen Bericht. Fliegeralarm....Sirenen heulten, Leute rannten in die Bunker, wir drei Kinder schrien in unseren Betten. Nachbarn haben uns völlig verwahrlosten und verdreckten Kinder aus den Betten geholt, angezogen und sind mit uns in den sicheren Luftschutzkeller gerannt. Das Jugendamt wurde eingeschaltet und machte einen Kontrollbesuch. Meine beiden Brüder sind mit mir am gleichen Tage von zu Hause weg nach Schweicheln gekommen. ![]()
Der ältere Friedhelm (links, geb. 29.01.37)ist am 20.12.1940 in
eine
Pflegefamilie in Lübbecke gekommen und am 23.08.1941 gestorben (tödlich verunglückt) Der jüngere Wilhelm Gustav (geb. 28.05.1938) ist am 19.12.1940 in eine Pflegefamilie nach
Bad-Oenhausen gekommen und am
13.04.1942
gestorben er hatte eine Bauchfellentzündung, wie meine Mutter mir mal erzählte.
Ich kam von
Schweicheln noch am gleichen Tag unseres Ankommens
dort ![]()
Das war der
Entlassungsbericht, der im Juli
1941 ausgestellt wurde. Ich kam im Dezember 1941 in eine Pflegefamilie nahe Bielefeld. Die Pflegemutter bedauerte, daß ich noch nicht laufen konnte, war aber zuversichtlich, daß ich es sicher bald lernen würde. Renate kann laufen und macht uns viel Freude. Ich hatte wohl viel nachzuholen,
denn ich
begann sehr bald, die Nachbarschaft zu erkunden. Ständig lief ich weg.
Warum? Konnte mich meine Pflegemutter nicht fesseln?Ich meine jetzt nicht, daß sie mich am Tisch festbinden sollte; aber irgendwie verstand sie es offenbar nicht, mich durch Spiel und Beschäftigung zu fesseln. Wohin ich lief und wo man mich dann letztendlich wieder gefunden hat, stand in keinem der Halbjahresberichte, die schon da anfingen, mein weiteres Leben bis zur Heirat mit 20 Jahren zu begleiten. Ich wußte das nur nicht, das habe ich jetzt erst erfahren und diese Berichte gelesen. Zu meinem Weglaufen kam dann bald noch "Trotz und schlechtes Gehorchen" hinzu. Und bald hatte meine Pflegemutter von mir die Nase voll und gab mich 4 jährig an den Absender zurück, an den Eickhof in Schweicheln. 6 glückliche Kinderjahre begannen Von der Zeit
an beginnt auch mein Erinnerungsvermögen. Ganz vage kann ich mich an
davor erinnern, daß ich mit Kindern auf einem Balkon war und eine Frau
putzte Schuhe. Mir war kalt und ich wollte ins Haus,
durfte aber nicht und weinte. Bei meiner "Mutti" wurde ich dann
häuslicher und lief nicht mehr weg, "Das Gehorchen fällt Renate aber
schwer und oft kommt richtig ein Trotzkopf zum Vorschein" ,
stand dafür im nächsten Bericht. Und ich würde "quasseln wie ein
Wasserfall", die Schnute stände nicht still. Heute würde man schreiben:
"Sie ist ein lebhaftes Kind"
Im Frühjahr 1946 kam ich in die Schule, machte beim Lernen gute
Fortschritte, mußte aber nach Meinung der Berichtschreiberin "eine
strenge Hand" haben. Meine "Mutti" fand aber Gott sei Dank ein gutes Mittelmaß und hat es
mit sehr viel Liebe hinbekommen, daß ich eine unbeschwerte Kinderzeit
bei ihr verbringen
durfte.
Ich wußte gar nicht, daß sie nicht meine Mutter war - bis zu dem Tag im Juni 1946, als sie mir sagte, daß meine leibliche Mutter mich besuchen würde. Ich war zunächst arglos, doch als Mutti anfing zu weinen, habe ich dann auch geweint. Meine Mutter kam dann irgendwann zu Besuch, ich nannte sie Tante. Sie versprach mir allerhand Kram, den sie mir schicken wolle, wenn sie wieder in Arnsberg wäre. Das Paket kam nie an und ich habe angeblich gesagt, daß sie lügt, sie hätte es versprochen. Zwischen dem Jungendamt, Landesjugendamt Münster und Schweicheln gingen in der Folgezeit unzählige Schreiben hin und her. Meine Mutter wollte mich nach Hause haben. Meine leibliche Mutter,
die uns 3 Kinder damals bei Fliegeralarm allein in den Betten ließ, die
uns Kinder verkommen ließ, die uns in
unglaublichem Schmutz hausen ließ, SIE hat immer und immer wieder
herum geprockelt, bis sie ihren Willen hatte. In der damaligen Schwester I. der inneren Mission hatte SIE eine ungeheuer starke Mitstreiterin, die es dann endlich schaffte, IHR zu ihrem eingeforderten Mutterrecht zu verhelfen. Die Behörden reagierten zunächst entsetzt. Jugenamt, Landesjugendamt und Schweicheln, der Vormund und alle möglichen Institutionen rieten dringend ab, weil ich in einer vorzüglichen Pflegestelle untergebracht wäre. Schwester I. hat alle Register gezogen und schließlich hatte sie sie alle weich gekocht. (Was sie alle nicht wußten: SIE hatte nicht einmal eine eigene Wohnung. Wir haben monatelang alle zusammen bei meinen Großeltern gewohnt.) Und dann passierte das
Unglaubliche: Meine liebe Pflegemutti bekam einen Brief vom Jugendamt,
in dem ihr geschrieben wurde, daß ich, falls ich mich
weigern würde, mit IHR mitzugehen, ich da bleiben dürfe. Man muß
sich das Ungeheurliche mal vorstellen: Man hat mir, einer noch nicht 10
jährigen, quasi die Verantwortung für mein weiteres
Leben aufgebrummt. Ich hätte also einmal in meinem Leben wirklich ungezogen und trotzig sein müssen, Zeter und Mordio schreien, und ich wäre gerettet gewesen. Aber ich war brav, und meine geliebte Pflegemutti mußte ohnmächtig mit ansehen, wie SIE mich zu sich nach Hause holen durfte. In ein zu Hause, was dann, wie sich noch herausstellen sollte, für mich alles andere als der liebevolle Hort war, den ich gewohnt war. Meine glückliche Kinderzeit war vorbei. Dies war nicht mehr mein Zu Hause. Ein paar Tage später schrieb meine "Mutti" einen sehr traurigen Brief an Schweicheln. ![]() Ich war also in Arnsberg lernte meinen
jüngeren Bruder Walter kennen, der mich immer Minna nannte und wohl auch
eifersüchtig war, weil er das Reich nicht mehr allein hatte.
Die ersten Tage war Mutter
ja noch ganz lieb zu mir, sie hatte schließlich ihr lang erkämpftes
Spielzeug wieder bekommen. Wir kamen uns näher, fuhren mit seinem Motorrad aus. Er besuchte mich in
Habighorst und auch meine "Tante Friede und Onkel Willi" fanden den
jungen Mann in Ordnung. Ich war glücklich und wollte nun so schnell
wie möglich heiraten, um eine eigene Familie zu haben, und endlich tun,
was ich will. Wir haben uns dann heimlich verlobt, in
einem Zelt an einem 17. Juni, richtig mit Verlobungsring und
Verlobungskuß, wie sich das gehört. Mein damaliger Verlobter war schon
29 Jahre alt; aber ich war noch nicht volljährig, also mußte
ich an die Hütte schreiben und bitte bitte sagen.Doch das zusätzliche Kind wollte auch essen und mußte Schulbücher haben und und und... so viel Geld hatte Muttern natürlich nicht. Aber wofür hat man denn die Bekanntschaften mit Männern? Sie bekam immer irgendwoher was, damit sie rauchen konnte. Hefte waren ihr zu kostbar. Ein Füller? So was war für SIE zu teuer. Pflegemutti Briefe schrieb und die dann auf dem Nachhauseweg unfrankiert in den Briefkasten warf. Die Arnsberger Schule war für mich eine totale Umstellung. Ich wurde nicht gemocht. Das spürte ich deutlich, und das zeigte sich auch noch durch Lehrer Korn, denn er hat später einen haarsträubenden Bericht über mich geschrieben. Zusammen mit einem Bericht von Schwester I. ergab das ein unglaublich bösartiges und geradezu selbsherrliches Geschreibe, gerichtet gegen den liebsten Menschen, den ich hatte, meine Pflegemutti. Und natürlich gegen mich. Eine Hetzcampagne ohnegleichen. ![]() Ich habe jetzt in den Akten einen Brief des Direktors von Schweicheln an das Landesjugendamt Münster gefunden, in dem er schreibt, dieser besagte Bericht wäre mal wieder eine Bestätigung des Sprichwortes: Undank ist der Welt Lohn. Ich hätte eine gute Pflegestelle gehabt und so würde das jetzt gedankt. ![]() Was ich damals nicht wußte: Der Schuldirektor war auch der Vormund von uns Kindern. Er war der Klassenlehrer meines Bruders. Und als wir uns mal gegenseitig die Hausaufgaben machten, weil er besser rechnen und ich besser schreiben konnte, mußten wir alle beide antreten und bekamen eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock. Ich hatte Heimweh, durfte aber nichts sagen. In der Schule wurde ich gehänselt, weil wir zu Hause "ja so arm wären, daß uns die Mäuse das Klopapier reichen würden". Wir waren ins "Alte Feld," ein Barackenlager gezogen, und das war in Arnsberg als "Arme-Leute-Viertel" bekannt. Dort lernte meine Mutter dann auch wieder einen Mann kennen, der sie mehr interessierte als wir Kinder. Und so kam, was irgendwann schon vorausgesagt war. Ich wurde von genau der überaus eifrigen Fürsorgeschwester Ida, die mich unbedingt aus meiner sehr guten Pflegestelle raus reißen mußte, wieder weg geschafft; aber nicht etwa zu meiner Pflegemutti zurück, nein, diesmal zum Eickhof in Schweicheln . 120 Kilometer mit dem Motorroller, und es war Ende Oktober 1951. Meine Mutter zeige beim Abschied wieder mal ihre wahre "Größe", nämlich die Größe im Lügen.Sie sagte, ich käme zu meiner Tante nach Koblenz und ich solle schön lieb sein. Schön lieb hätte SIE mal lieber sein sollen, dann wäre vieles anders gewesen. Ich kam am 05. Februar 1952 in das Erziehungsheim Gotteshütte in Kleinenbremen. An diese Zeit kann ich mich komischerweise am wenigsten erinnern. Ich weiß nur, ich war im Wichernhaus, unten war der Aufenthaltraum, nach oben ging es in den Schlafsaal mit den 21 Betten, und an das Bettenbauen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Überhaupt war Sauberkeit und Ornung ein ganz furchtbar wichtiges Erziehungsziel. Wir sollten ja brauchbare Mitglieder der Gesellschaft und in dieser gute Hausfrauen werden. Ich dachte aber wohl noch gar nicht dran, irgendwann Hausfrau zu sein, und so trödelte ich gerne herum und quasselte lieber mit den Mädchen, was mir dann den Spitznamen "Trödel" einbrachte, außerdem einen nicht sehr wohlwollenden Eintrag im nächsten Bericht. ![]() Sinn und Unsinn dieser Berichte
Berichte sind
Bewertungen über die gute oder weniger gute Führung, praktisch ein
Führungszeugnis. Sie können das weitere Leben positiv oder
negativ beeinflussen. Mein erster Bericht sagte aus, daß ich herzig
und lieb bin; aber dauernd weg laufe, und es käme Trotz durch. Im
nächsten stand wieder, ich liefe dauernd weg. Weitere
Berichte bescheinigten mir, daß ich eine straffe Hand brauche, daß
mein Mund nicht still stände. Ich wäre ein unruhiger Geist, wäre aber
anhänglich und ansonsten folgsam. Den niederschmetternsten
Bericht schrieb dann Schwester I.,weiter oben ist er abgebildet. Und
weil es so schön vorgegeben war, der Lehrer K. gleich noch hinterher.
Im nächsten Bericht wurde noch einmal alles
zusammengefaßt. Ich wäre halt immer ein schwieriges Kind gewesen und
hätte der straffen Führung bedurft. Dieses Muster wurde immer weiter so
übernommen. Die Gotteshütte hat noch ein paar
Korrekturen dazu getan, z.B. ich sei bei meinen Arbeiten trödelig
(Spitzname "Trödel") und unzuverlässig, hätte einen vorlauten Mund. Die
schulischen Leistungen waren zufriedenstellend. Ich wäre
musisch veranlagt, spiele recht gut die F-Flöte, könne meinen
Fähigkeiten nach zu urteilen mehr leisten, als ich eben leiste. Also
großer Mund, faul, antriebslos, unzuverlässig......bis zum Lügen
und Stehlen nur ein kleiner Schritt, das kam dann später bei den
Berichten meiner Arbeitgeber noch hinzu. mal mehr, mal weniger kraß.
(Wer unzuverlässig und faul ist, lügt und stiehlt ja
auch bestimmt). So wurden dann diese Berichte immer "vollständiger",
das Bild rundete sich ab. Der Zögling Renate Müer war abgestempelt.
Doch zurück zur
Erzählung: Im
Handarbeitsunterricht lernten wir Strümpfe
stricken und sangen dabei. Herrlich fand ich das, viel besser als das
verhaßte kaputte Strümpfe stopfen, was wir aber auch
mußten.Die Schulzeit war nun also vorbei und der sogenannte Ernst des Lebens sollte beginnen. Ich wurde verlegt in das Fliednerhaus, wo die schulentlassenen Mädchen untergebracht waren. Dort sollten wir auf das Leben "draußen" vorbereitet werden. Und dort herrschte Schwester Erika mit strenger Hand; aber gerecht war sie. Wir schliefen in kleineren Gruppen, etwa mit 4 Mädchen in einem Zimmer. Ein Jahr war ich im Fliednerhaus. Während der Zeit war ich in der Nähstube, der Waschküche und in ![]() So allmählich war ich dann genügend vorbereitet auf das Leben draußen, und bald ging es dann los mit "richtiger" Arbeit.Ich hatte mal einen Lebenslauf mit Berufswunsch geschrieben.Ich wollte mehr als alles andere Säuglingsschwester werden. Nix da, bei meiner Führung laut Bewertungen in der Vergangenheit ging das gar nicht. Da kam natürlich nur eines in Frage: Eine "vernünftige" Lehre als Hauswirtschafterin. Es wurde in Kleinenbremen eine Lehrstelle gefunden bei einer Familie mit 3 Kindern. Mit diesen 3 liebenswerten kleinen Monstern durfte ich dann auch noch in einem Zimmer schlafen. Was waren meine Aufgaben? PUTZEN! Na, das kannte ich ja von der Gotteshütte her gut. Mehr schlecht als recht erledigte ich meine Arbeit, durfte einmal in der Woche nach Minden zur Berufsschule. Der Hausherr war Studienrat in Bünde. Habighorst liegtbei Bünde, in Habighorst wohnte meine "Mutti". Es wurde oft von Bünde gesprochen. Mein Interesse war mehr als wach geworden. Und als dann irgendwann im Sommer von der Kirchengemeinde Kleinenbremen eine Fahrt zum Bünder Missionsfest angekündigt wurde, habe ich unseren Pastor gefragt, ob ich mit kann. Ich wolle aber nicht zum Missionsfest, sondern meine Pflegemutter besuchen, die etwas außerhalb wohne. Das war für ihn kein Problem, ich solle nur um 18 Uhr wieder am Bus sein, dann wäre Abfahrt. Von da an hatte in meinem armen Hirnkastel nichts anderes mehr Platz als Habighorst. Ich würde bald meine "Mutti" wieder sehen, und ich konnte es kaum abwarten. Wenn Engel reisen, lacht der Himmel, sagt man. Und der Himmel hat gelacht an diesem Tag. Ich machte mich auf den Weg nach Habighorst. ![]() Vorbei an der Schule, in die ich damals eingeschult wurde, den langen Weg bis oben zur Kurve - und dann sah ich das Ziel meiner Träume. Je näher ich kam, desto schneller ging ich. Da, das Haus, die Treppe rauf und schellen.....Mir schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis die Tür auf gemacht wurde......Endlich kam "Mutti" , und es war so unbeschreiblich schön und tat so gut, sie zu sehen. Sie schloß mich in ihre Arme und sagte unter Freudentränen immer wieder: " Ich hab´s gewußt, ich hab´s gewußt, daß du wieder kommst, ich wußte es". Was an diesem denkwürdigen Tag noch alles geschah, weiß ich nicht mehr. Das war auch alles nicht mehr wichtig. Ich hatte meine "Mutti" wieder und sie mich. Der Tag ging so schnell um, und ich wurde dann von irgendwem aus der Verwandtschaft wieder nach Bünde zum Bus gebracht. Die Verbindung riß von da an nicht mehr ab. Ich schrieb Briefe und besuchte sie, so oft es ging.Meine Welt war so lange in Ordnung, bis meine Lehr-Familie einen Umzug nach Dassel im Solling plante. Da schrillten aber sämtlicheAlarmglocken bei mir. Das bedeutete ja, daß ich wieder weiter weg von meiner lieben "Mutti" müsse, und ich hatte sie doch erst wieder gefunden. Irgendwas mußte da passieren, nichts war so wichtig wie in ihrer Nähe zu bleiben, komme, was wolle. Und so rückte ich dann eines Sonntags nach einem Gottesdienstbesuch aus in Richtung Habighorst. Ich kann nicht sagen, wie ich dann da hin gekommen bin, mein Erinnerung läßt mich da permanent im Stich. Vieles habe ich durch meine Heimakte erfahren.Nun war also meine Lehre abgebrochen, denn die Lehrfrau wollte mich natürlich nicht wieder haben. Und so kam, was kommen mußte, ein mich niedermachender Bericht. Die Heimleitung war überhaupt nicht begeistert von meinem Ausreißen, und daß die Lehre abgebrochen war. Sie reagierte im Gegenteil recht heftig, als man ihr von Seiten des Arbeitsamtes Minden den Vorschlag machte, mich im Heim meine Lehre zu Ende machen zu lassen. Dazu verspüre man nun überhaupt keine Neigung. Schwester K. hatte absolut nicht die nötige Sensibilität für meine "Notlage" (Wegzug der Familie = weiter weg von meiner "Mutti") und lehnte das Ansinnen des Arbeitsamtes schlichtweg ab - und verbaute mir dadurch meine Zukunft. Sie hätte es in der Hand gehabt, meinen "Fehltritt" auszubügeln und die Wogen wieder zu glätten. Meine seelische Verfassung hat sie herzlich wenig interessiert. Zur Strafe wurde ich dann zu einem Bauern im Lippischen verbannt. Ich kann mich erinnern, daß es mir dort gut gefiel.Man behandelte mich freundlich, und ich tat meine Arbeit auch gern. Nun war ich ja auch in einem Alter, in dem Mädchen sich für Jungen interessieren, ganz normal. Ich muß da wohl einen erwischt haben, der meinen Bauersleuten nicht gefiel, mir aber sehr wohl. Ich habe mich trotz Verbot immer wieder mit ihm getroffen, kam vom Ausgang zu spät heim, was immer wieder neuen Ärger nach sich zog. ![]() Es wurde Bericht ans Heim erstattet. Und dort war man schließlich der Meinung, ich müsse da weg, um größerem Unglück vorzubeugen. Meine "Mutti" bekam einenBericht, wie schlecht ich doch wäre, und sie war natürlich entsetzt. In der Hütte war man derweil nicht faul und hatte schon eine neue Stelle für mich, und die Bauersfrau sollte mich wieder zurück bringen. Der tat die Renate leid; aber sie sei "unverbesserlich", schrieb sie. ![]() Und so landete ich erst mal wieder in der Gotteshütte. Meine Berichte hatten nun noch einen Zusatz bekommen: "Renate ist unpünktlich und trifft sich häufig mit Jungen, wobei sie mit der Auswahl nicht wählerisch ist" war nun bekannt. Meine "Mutti" schrieb einen Brief an Schwester K. Sie hatte mich beim Bauern mal besucht, fand die ganze Gegend ungeheuer abgelegen, wie sie mir später mal erzählte. Die Bauersleute fand sie aber sehr nett. Ich wurde dann bald zu dem Pastor in Löhne-Ostscheid gebracht. Von dort konnte ich alle 2 Wochenenden, immer wenn ich Freizeit hatte, nach Habighorst fahren, die Verbindung wurde also wieder enger, Gott sei Dank. Die Wochenenden bei ihr waren herrlich. Die Zeit bei Pastors weniger, aber man mußte nach Muttis Meinung immer schön den untersten Weg gehen. Wenn ich Montags Morgens wieder kam, mußte ich in den Keller und für die ganze Familie die Schuhe putzen. ![]() Da habe ich dann so still vor mich hin geweint, ohne daß es einer merkte. Die Pastors und ich mochten uns offensichtlich wohl gegenseitig nicht, es ging nicht gut, und in der Hütte war man dann der Ansicht, ich solle besser in einer ebenfalls nicht sehr weit von meiner lieben Mutti entfernt gelegenen Gastwirtschaft arbeiten. Ich bin in meinem Leben echt schon was umgezogen...Die Gastwirtschaft sollte dann meine letzte Stelle sein, bevor ich dann endgültig nach Habighorst ziehen durfte. Meine Heimzeit war damit aber noch nicht vorbei, denn die Hütte und das Landesjugendamt Münster hatte immer noch ihre Hand über mir und all meinem Tun.Immerhin konnte ich mir dann meine nächste Dienststelle selber aussuchen, ich fand sehr schnell bei der Firma Dörffler in Bünde Arbeit. Mit scheinbar übersinnlichen Wahrnehmungen wußte man in der Hütte noch schneller als der Blitz Bescheid und mir wurde an Herz gelegt, nur ja und unter gar keinen Umständen diese Arbeit zu kündigen, ohne die gesetzliche Kündigungsfrist einzuhalten. Nun, ich wollte ja auch gar nicht kündigen. Ich freute mich jeden Morgen auf meine Arbeit, denn ich hatte einen Arbeitskollegen kennen und schätzen gelernt. Wir steckten ständig zusammen, so oft es unsere Freizeit erlaubte. ![]() ![]() Schwester Klara schrieb an das Landesjugendamt. Ich bekam die Erlaubnis zum Heiraten, am 07. November 1959 war die Trauung beim Standesamt in Bünde. Ich bekam dann bei einem gemeinsamen Besuch mit meinem Mann in der Hütte mein Sparbuch mit 960,00 Mark, mußte aber dem Herrn Thümmel, der inzwischen Heimleiter war, einen genauen Bericht abliefern, was mit dem Geld gekauft wurde. Den hat er auch bekommen. Und ich - bekam praktisch meinen Entlassungsschein! Auch das habe ich jetzt aus der Heimakte erfahren. Das heißt, den Schein bekam der Rektor Ohlenburger, der ja unser Vormund war. Hier ist er. ![]() Der Schein in die "Freiheit", dachte ich. Nun sollte endlich alles besser werden, endlich sollte ich tun dürfen, was ich wollte. Doch auch mein zukünftiger Mann bekam einen "Bericht" und die Empfehlung, eine straffe Hand walten zu lassen.Daran hat er sich gehalten, und so waren meine nächsten 17 Jahre praktisch die Forsetzung meiner Dienststellen, nur daß ich vom Gatten auch noch Schläge bekam.
Noch ein kleiner
Nachtrag
Am 07.
November 1959 heiratete ich meinen Andreas. Wir suchten eine Wohnung und mußten Möbel haben. Mein Sparguthaben war noch im Heim, ich mußte also wieder Bitte Bitte sagen. ![]() ![]() ![]() Und somit konnten wir dann unser Nest bauen. ![]() Rückblickend
kann ich
sagen, daß meine Zeit in der
"Gotteshütte" von Lieblosigkeit geprägt war. Es war niemand da, der mich mal in
den Arm genommen hat und mir sagte, daß ich wichtig bin, daß ich nützlich bin,
daß ich geliebt werde. Nein, ich kann nur immer wieder sagen, daß mir ständig
suggeriert wurde, nichts zu taugen, unzuverlässig, trödelig, vorlaut, und der
straffen Hand bedürfend zu sein, sogar als arrogant wurde ich
eingestuft.
Mit diesem "Zeugnis" wurde ich dann in meine diversen Arbeitsstellen entlassen. Ich war überall von vorne herein die, die man beaufsichtigen mußte, weil sie sonst faul war. Diesem "Heimkind" konnte man doch nicht trauen, es lügt, es stiehlt wahrscheinlich auch noch, man sollte die Zügel so stramm wie möglich halten. Es soll mir bitte niemand sagen, diese Bewertungen seien nicht so ernst zu nehmen, denn das stimmt ganz einfach nicht. Sie waren für mein späteres Leben der Freifahrtschein, der Ungerechtigkeiten und Erniedrigungen mir gegenüber rechtfertigte, die meine Arbeitgeber begangen. Ich
bin nie geschlagen worden, wurde körperlich nie mißhandelt, mein Lohn für die
Arbeit wurde auf ein Konto für mich gelegt, ich habe die Berufsschule besuchen
können und hatte, wenn auch wenig, aber immerhin auch Freizeit. Ich
bekam ausreichend zu essen und Kleidung. Das alles war
korrekt. Ich wurde nur an einer sehr
sehr kurzen Leine gehalten und hatte so gar keine Chance, mich normal und meinem
Alter gerecht werdend, zu entwickeln. Es waren immer nur Verbote und Regeln, die
mein Leben bestimmten. Meine Psyche hat Schaden genommen, der nie ganz wieder
gut zu machen ist. Die Prägungen bleiben. Ich war also Fürsorgezögling bis quasi zu meinem 20. Lebensjahr. Ich hatte im Heim und bei meinen späteren Arbeitgebern kein Selbtbewußtsein gelernt. Im Gegenteil: durch die ewigen schlechten Bewertungen wurde mir ständig vermittelt, nichts wert zu sein. Ich hatte es gewagt, meine Haushalts-Lehre abzubrechen, man war mir böse und steckte mich dann auch zu einem Bauern so ziemlich am Ende der Welt. Eine neue Chance bekam ich nicht, ,man war nicht geneigt, mich zu fördern, wie Schwester Klara sich ausdrückte. Mir wurde Intelligenz bescheingt, mir wurden "ganz andere Fähigkeiten" zugesprochen; aber man gab mir keine Gelegenheit, diese Fähigkeiten auch zu leben, etwas zu lernen, was diesen Fähigkeiten entsprach.Nein, ich blieb immer die Hausgehilfin, die an diversen Stellen arbeiten durfte, die sich schikanieren lassen durfte, je nachdem, wie es den Herrschaften gefiel, wo sie gerade war. Der Fürsorgezögling Renate Müer war offenbar zur Putzfrau geboren. Irgendwann hatte ich aber genug von den Repressalien und ständigen Bevormundungen, Ungerechtigkeiten und Demütigungen, wollte endlich mal das tun, was ich mir wie nichts auf der Welt wünschte: Frei sein, Endlich FREI! Endlich mal selber bestimmen, was ich wie wann und wo mache. Weltfremd und unerfahren wie ich war, wollte ich
heiraten, meine eigene ----------------------------------------------------------------------------------------- Durch meine Akteneinsicht wurde ich noch einmal heftig mit meiner unter Fürsorge stehenden Zeit konfrontiert. Meine Biografie ist nun vollständig, was mir schon sehr wichtig war und ist. Ich weiß jetzt, wo ich überall gewesen bin. Langsam kehrt wieder Ruhe in meine ziemlich in Aufruhr geratene Seele ein. ----------------------------------------------------------------------------------------------- Meine persönliche Heim - Geschichte endet hier. "Habighorst" und "Hütten-Besuch" auf Extra-Seiten sind Bestandteile dieser Geschichte Wer auch an aktuellen Presse-Meldungen zum Thema Heimkinder interessiert ist, findet bei T.O.P. -Medien Berlin immer etwas Neues, Unglaubliches, Ungeheurliches, was alles ans Tageslicht kommt. http://www.top-medien-berlin.de/ Besuch mich auch im Overblog, Die Seite "Kinder in Diskussion" beinhaltet Videos die uns alle angehen. Im OverBlog steht mehr als nur meine Heimgeschichte, er bezieht Teile meines jetzigen Lebens mit ein. Klick den Banner an ![]() Ich möchte hier an dieser Stelle ein Video vorstellen, was die ungeheuerliche Brutalität der damaligen Erziehung durch NONNEN! widergibt. "In den Fängen der Fürsorge" http://www.kinderheim-koeln-suelz.de/index.php?page=mediathek&menue=menue Und hier ist ein Bericht, der ebenso erschütternd ist. ![]() Kostenlose Homepage von rePage.de - w - Flirten und Bilder bewerten - Lovemission.de
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