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 Nach 55 JahrenEin Besuch in der Gotteshütte, die heute ganz einfach "Hütte" genannt wird Das WichernhausKurzer Rückblick Ich war
gerade 12 Jahre alt geworden, als ich in die Gotteshütte kam,
in dieses Heim aus roten Backsteinen.

An diese Zeit kann ich mich komischerweise am wenigsten erinnern. Ich
weiß nur, ich war im Wichernhaus, unten war der Aufenthaltraum, nach
oben ging es in den Schlafsaal mit den 21 Betten, und an das Bettenbauen
kann ich mich noch sehr gut erinnern. Überhaupt war Sauberkeit und
Ornung ein ganz furchtbar wichtiges Erziehungsziel. Wir sollten ja
brauchbare Mitglieder der Gesellschaft und in dieser gute Hausfrauen
werden. Das Fräulein Hanke war ein rechter Putzteufel, und die Möbel des
Aufenthaltsraumes standen öfter auf der Terrasse als im
Aufenthaltsraum, weil da mal wieder geschrubbt werden mußte. Ich dachte
aber wohl noch gar nicht dran, irgendwann Hausfrau zu sein, und so
trödelte ich gerne herum und quasselte lieber mit den Mädchen, was mir
dann den Spitznamen "Trödel" einbrachte, außerdem einen nicht sehr
wohlwollenden Eintrag im nächsten Bericht.
Sinn und Unsinn dieser Berichte
Berichte sind Bewertungen über die gute oder weniger gute Führung,
praktisch ein Führungszeugnis. Sie können das weitere Leben positiv oder
negativ beeinflussen. Mein erster Bericht sagte aus, daß ich herzig und
lieb bin; aber dauernd weg laufe, und es käme Trotz durch. Im nächsten
stand wieder, ich liefe dauernd weg. Weitere Berichte bescheinigten mir,
daß ich eine straffe Hand brauche, daß mein Mund nicht still stände.
Ich wäre ein unruhiger Geist, wäre aber anhänglich und ansonsten
folgsam. Den niederschmetternsten Bericht schrieb dann Schwester
I.,weiter oben ist er abgebildet. Und weil es so schön vorgegeben war,
der Lehrer K. gleich noch hinterher. Im nächsten Bericht wurde noch
einmal alles zusammengefaßt. Ich wäre halt immer ein schwieriges Kind
gewesen und hätte der straffen Führung bedurft. In meinem Blog habe ich
diese Berichte abgebildet. http://www.aus-dem-leben-eines-heimkindes.de/
Dieses Muster wurde immer weiter so übernommen. Die Gotteshütte hat
noch ein paar Korrekturen dazu getan, z.B. ich sei bei meinen Arbeiten
trödelig (Spitzname "Trödel") und unzuverlässig, hätte einen vorlauten
Mund. Die schulischen Leistungen waren zufriedenstellend. Ich wäre
musisch veranlagt, spiele recht gut die F-Flöte, könne meinen
Fähigkeiten nach zu urteilen mehr leisten, als ich eben leiste. Also
großer Mund, faul, antriebslos, unzuverlässig......bis zum Lügen und
Stehlen nur ein kleiner Schritt, das kam dann später bei den Berichten
meiner Arbeitgeber noch hinzu. mal mehr, mal weniger kraß. (Wer
unzuverlässig und faul ist, lügt und stiehlt ja auch bestimmt). So
wurden dann diese Berichte immer "vollständiger", das Bild rundete sich
ab. Der Zögling Renate Müer war abgestempelt.
Ein Tagesablauf, wie ich ihn erinnern kann.
Wenn 20 Mädchen gleichzeitig aufstehen, stellt man sich ein Gedrängel
und Geschubse vor. Bei uns war das alles schön gesittet und ordentlich.
Die Betten mußten pennibel genau gemacht werden, möglichst ohne Falten.
Vor dem Bett stand ein Hocker, auf den die Wäsche abends
zusammengefaltet gelegt wurde. Betten fertig? Dann runter in den
Aufenthaltraum, es gab Milchsuppe und Marmeladenbrot. Immer.
In der Regel ging es dann auch nach dem Frühstück rüber in die Schule.
Die Gotteshütte hatte eine eigene Lutherschule. Wir hatten also gar
keinen Kontakt zu den Schülern aus dem Dorf Kleinenbremen, wo die
Gotteshütte liegt.
Dann Mittagessen und Schulaufgaben. Der Nachmittag verlief
unterschiedlich. Ich wurde oft zum Kartoffelschälen eingeteilt. Da saßen
dann etwa 10 Mädchen im Keller neben der Küche und schälten Kartoffeln.
In der Erntezeit mußten wir aber auch oft mit aufs Feld des heimeigenen
Bauernhofes, zum Beispiel Kartoffeln aufsuchen.
Ich war musisch veranlagt, und darum war es für mich ein Segen, als eine
Schwester Gerda kam, die in der Gotteshütte einen ganz hervorragenden
Blockflötenchor ins Leben rief. Sie brachte auch einen Teil von uns
Hüttenkindern in den Kirchenchor in Kleinenbremen. Die Kirche war uns
gut bekannt, denn wir marschierten jeden Sonntag in wohlgeordneten
Zweierreihen dort hin. Ich fand das in die Kirche gehen gut. Nicht, daß
ich jetzt unheimlich fromm gewesen wäre; aber ich liebte das Spiel der
wunderschönen Kirchenorgel, und ich schwärmte für den Organisten. Wir
lernten in der Gotteshütte das halbe Gesangbuch auswendig, konnten ein
paar Psalmen und Bibelstellen aufsagen. Ich wurde mit 14 Jahren
konfirmiert. Eine Woche vor dem großen Tag sollte die Prüfung sein.
Leider hatte ich mal wieder eine Mandelentzündug mit hohem Fieber und
konnte nicht mit, um meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
Katastrophe! Ich lag im Bett und heulte. Natürlich wurde ich trotzdem
konfirmiert, denn man wußte, daß wir Heimkinder gut gelernt hatten.
(mußten)

Die Schulzeit war nun also vorbei und der sogenannte Ernst des Lebens
sollte beginnen. Ich wurde verlegt in das Fliednerhaus, wo die
schulentlassenen Mädchen untergebracht waren. Dort sollten wir auf das
Leben "draußen" vorbereitet werden. Und dort herrschte Schwester Erika
mit strenger Hand; aber gerecht war sie. Wir schliefen in kleineren
Gruppen, etwa mit 4 Mädchen in einem Zimmer. Ein Jahr war ich im
Fliednerhaus. Während der Zeit war ich in der Nähstube, der Waschküche
und in der Küche tätig. Hier ist ein Foto, wie sie heute aussieht, sie
ist nicht mehr in Betrieb, weil die heutigen Gruppen sich autonom
versorgen.

Vorne waren noch 2 riesigeDampfkessel, in denen die morgendliche
Milchsuppe gekocht wurde. Und darin wurde auch diese furchtbar gräßliche
Graupensuppe fabriziert, die ich so abgrundtief haßte, daß ich bis vor
Kurzem keine mehr gegessen habe. Die war nämlich so dick, daß der Löffel
drin stecken blieb, wenn sie mal kalt wurde. Igittegitt.
"Küchenchef" war eine Diakonisse. Sie war der Meinung, man müsse zum
Kochen Mut haben, weil oft etwas so heiß würde, und man müsse dann
trotzdem zupacken. Oh ja, das bekam ich irgendwann zu spüren. Ich sollte
eine Emaille-Kaffeekanne für mindestens 20 Personen zu den Bauarbeitern
bringen, die oben den Hof bearbeiteten. Anstatt mir einen Topflappen zu
nehmen, faßte ich mit bloßen Händen zu - und klatsch lag die Kanne zu
meinen Füßen und der Kaffee hatte mir den einen Fuß total verbrannt.
Folge: 14 Tage Fliednerhaus-Bett.
Nachdem ich dann nach der Schulentlassung noch ein Jahr lang in der
Gotteshütte in Nähstube, Küche und Waschküche gearbeitet hatte, war man
wohl der Ansicht, daß ich jetzt aufs Leben vorbereitet sei und
vermittelte mich in eine Haushaltslehre außerhalb des Heims, aber im
Dorf Kleinenbremen. Ich hatte ganz andere Berufswünsche, wollte gern
Säuglingsschwester werden, oder ins Büro oder Musik studieren. Das waren
natürlich "Flausen", die man mir schnell ausredete. "Solche Sachen"
wurden nicht gefördert, es reichte immer nur zur Putzfrau.
Der Besuch der Hütte Wie kommt man dazu, nach 55 Jahren das Heim zu besuchen? Das Internet hat es geschafft. In einer Seite war ein Bericht von Porta Westfalica, der ganz gut aufgemacht war. Ich kam an die Stelle, welche Gemeinden zu Porta Wastfalica gehörten, und las Kleinenbremen. Da war meine Neugierde geweckt. Ich habe dann einfach mal Gotteshütte eingegeben und fand die Homepage der Hütte, wie sie heute liebevoll genannt wird. Ein Gästebuch dort brachte mir dann Mailverbindung mit ein paar Ehemaligen Heimkindern. Die waren aber alle viel jünger und kannten die Gotteshütte so nicht, wie sie zu unserer Zeit war. Klaus K. schickte mir dann die ersten Fotos von der Hütte, und ich muß sagen, es kam mir alles bekannt vor, eben der alte Kern der Gotteshütte.

Ich schrieb dann auch die Verwaltung der Hütte an und wurde sehr freundlich an den Heimleiter weiter geleitet. Er kümmert sich sehr um Ehemalige, und so kam dann auch eine Einladung zum Besuch zustande. Vor dem Bescuh war noch etwas Sensationelles für mich: Ich bekam meine Heim-Akte. Ich hielt mein Leben in Händen, zusammengefaßt auf einen zerschlissenen und vergilbten Ordner, rosa war er ursprünglich. Endlich fügten sich die fehlenden Mosaiksteinchen ein, ich bekam meine lückenlose Biografie, die mich dann erst mal tagelang und sogar wochenlang beschäftigte.
Meine Tochter Anja und ich waren mit dem Zug bis Minden gefahren, und von dort holte uns der jetzige Heimleiter Herr D....mit dem Auto ab. Ich war aufgeregt, voller Spannung. Ich wußte ja von Bildern, wie die Hütte jetzt aussieht. Aber alles auf Fotos sehen und in echt erleben sind doch 2 Paar Schuhe. Die Überlegung kam mir, daß es doch merkwürdig war, jetzt unbedingt in die Hütte zu wollen, und damals sind wir Mädchen dort abgehauen. So merkwürdig war es aber sicher auch nicht, denn ich wußte ja, daß wir hier wieder raus konnten, wann immer wir es wollten. Langsam fuhren wir oberhalb der Hütte die Waldstraße lang und kamen direkt auf das riesig anmutende Fröbelhaus zu.

Weiter ging es den Weg runter und dann rauf auf den Hof. Natürlich war ich neugierig auf die Gotteshütte, ich wollte ja alles mal wieder sehen. Da stand nun dieser Backstein-Komplex, unser Lied schoß mir durch den Kopf: Und hinter Kerkermauern, müssen wir die Zeit versauern" oder so ähnlich war eine Zeile.

Ach du liebe Güte, was ist mit der dicken Linde passiert? Ihr Äste ragten reichlich ramponiert in die Luft. Wenn ich mich so umsah, war der Kern dieses Heimes noch so wie vor 55 Jahren.Die Fenster waren neu, fiel mir sofort auf, und Türen waren teilweise neu. Leider hat es an dem Tag geregnet, und ich konnte nicht viel Fotos machen, darum sind hier teilweise auch welche von anderen ehemaligen Hüttenkindern,die schon zu Besuch da waren.

Die Linde in ihrer ganzen Pracht - das "zerrupfte Gestell", was da jetzt auf dem Hof stand, sorgte während des Besuchs immer wieder für Erheiterungen. Ich konnte es mir eben nicht verkneifen, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, welche schöner Baum die Linde früher war. Es war aus Sicherheitsgründen leider nötig geworden, die Äste drastisch zu stutzen, da war wohl viel morsches Geäst dran. Aber sie ist doch wirklich ein Prachtstück, wie sie da so steht, nicht wahr?

Die heimeigene Luther - Schule, oben rechts die beiden Fenster gehörten zu unserem Klassentraum. Kinks neben der Tür war damals die Nähstube. Links von der Linde fing das Fröbelhaus an, da waren die Jungens bis etwa 10 Jahren untergebracht, dann kamen sie in ein anderes Heim.Ich bin nie in diesem Fröbelhaus gewesen, ich hatte da nie was zu tun. Wir waren auch jetzt nicht dort, obwohl man einen ganz tollen Blick über den Hof auf die anderen Gebäude hat. Wir haben überhaupt keine Kinder gesehen, und erfuhren dann, daß die Hütte, eben dieser alte Kern überwiegend nur Schule ist.

Neue Wohnhäuser waren daneben gebaut, wir sind mal da her gefahren, damit wir uns ein Bild machen konnten.Ich habe die Bilder aus dem Netzt und bin über diese super Einrichtung richtig begeistert.Sieht doch echt gemütlich aus.
 So ähnlich war unser Aufenthaltsraum und ein Teil des Schlafsaals.

Das Wichernhaus, in dem ich untergebracht war. Herr D, ging mit uns
ins Haus. Du liebe Zeit, das war überhaupt
nicht mehr "mein Wichernhaus", denn hier war nur Werkstatt. Wir kletterten in den ersten Stock, wo der Schlafsaal war, alles umgebaut, es war nichts mehr zu erkennen. Über der weißen Tür die beiden Fenster gehörten zum Zimmer Fräulein Hankens.Ich weiß noch, daß ich damals mächtig stolz war, das putzen zu dürfen.

Das Wichernhaus, vom Verwaltungsgebäude aus gesehen. Ich kann mich
überhaupt nicht erinnern, daß da hinten eine Tür und große Fenster waren, wir sind immer nur durch diese weiße Tür gegangen.Der Aufenthaltsraum unten war abgeschlossen, da konnte man nicht rein. War mir auch egal. Es hat mich irgendwie auch nicht interessiert. Das war alles so fremd, so unwirklich. Nichts hat mehr erinnert an die Zeit früher. Erinnerungen kamen keine, auch keine Emotionen, oder was man vielleicht erwartet hätte. Es war, als hätte ich einen Film gesehen. Ich war gar nicht wirklich dabei.

Der Besuch des Fliednerhauses, in dem ich ja auch untergebracht war, brachte auch keine Erinnerungen. Obwohl das klein und übersichtlich ist, konnte ich da nicht mal mehr das Zimmer finden, in dem wir geschlafen haben.Es war baulich nichts verändert im Haus, ich wußte nur, wo Schwester Erikas Zimmer war. Ich habe offenbar alles abgehakt in meinem Kopf. Aus den Augen, aus dem Sinn, könnte man sagen. Ich war damals froh, da weg zu kommen, war nicht mehr so eingesperrt. Und ich kam eben "raus" aus dem Heim. Mein Hirnkastel hat wohl registriert: Fertig, hier gibt es nichts mehr zu bedenken. Ich hatte ja bis zu meiner Heirat immer wieder mal mit der Gotteshütte zu tun, denn das Jugendamt hatte seine verwaltenden Hände immer noch über mir. Es kann sein, daß wir die Hütte noch mal besuchen, mit dem jetzigen Heimleiter haben wir ein herzliches Verhältnis, er wollte uns ja auch noch die Krippe zeigen, die damals in der Hütte im großen Saal stand. Heute hat sie ihren Platz in der Kirche in Kleinenbremen. Wir sind auch da mal vorbei gefahren, konnten aber nicht rein, weil ein Handwerker den Schlüssel hatte,um rein zu können, ein eingeworfenes Fenster zu reparieren. Der Hüttenbesuch war schon interessant, Erinnerungen braucht man wohl auch. Wir sind sehr gut aufgenommen und bewirtet worden, Herr D. hat sich sehr viel Zeit für uns genommen, hat Fotos von früher gezeigt und ich habe sogar auf seinem Sessel im Büro gesessen. Man stelle sich das vor, vor 55 Jahren auf Oberin Schwester Klaras Stuhl sitzen zu dürfen - undenkbar. Dieses Kapitel meines Lebens kann ich nun getrost zu den Akten legen, wie es heißt.
Vor Kurzem bekam ich dieses alte Foto der Gotteshütte, es war etwa so 1940 aufgenommen worden,stand auf der Karte.

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