Als man Zigarre noch mit C schrieb, entwickelte sich die kleine ostwestfälische Stadt Bünde zur Metropole der deutschen Tabakverarbeitung. 1880 gab es dort 18 Zigarrenfabriken und vier große Herstellungsbetriebe für hölzerne Zigarrenkistchen. Neben den vielen festen Beschäftigten in den Betrieben standen auch noch jede Menge Heimarbeiter in Lohn und Brot der Tabakindustrie, die zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Kleinstadt wurde. Auch heute ist Bünde noch eine Top-Adresse in Sachen Zigarre.

Von meiner Zeit in Habighorst weiß ich eigentlich noch recht viel, im Gegensatz zu späteren Aufenthalten.

Dieses Haus war während fast 6 glücklicher Kinderjahre mein Zuhause.
Nebenan wohnte Tante Lene (die Nachbarn hießen damals alle Tante und Onkel, das war zu der Zeit so.) Tante Lene hatte den furchtbaren Günter, der noch mit 4 Jahren in die Hosen machte und oft genug von uns anderen Kindern nach Hause geschickt wurde, weil er möffelte. Und einen schrecklichen Giftzwockel von Hahn hatte sie auch. Wenn wir Kinder ihr auf dem Hof zu laut wurden, ließ sie den kurzerhand aus dem Stall, und weg waren wir. Auf dem schönen langen Hof hatten wir uns dann mal eine Schlinderbahn
(Rutschbahn auf Eis)gemacht. Herrlich, in einem Zug die ganze Strecke lang zu kommen. Am nächsten Morgen war dann unsere schöne Schlinderbahn zur Aschenbahn geworden, Tante Lenes Rache. Rundherum wohnten Kinder, und weil die Eltern Zigarren machten,
spielten die Kinder meistens draußen auf dem Hof, mal bei dem, mal bei dem.

Liebend gern ging ich zu den beiden Mädchen ein paar Häuser weiter.
Sie hatte so wunderschöne große Puppen mit einem richtigen Puppenwagen.Aber als sie meiner Bitte, diese Puppen mal auf den Arm nehmen zu dürfen, nicht nachkamen, waren es "diese blöden Ziegen mit ihren blöden Puppen". So ähnlich sahen die Puppen aus.
Schöne große Käthe Kruse, das Echtheitsschild machten ihre Mütter nie ab,
denn es sollte ja jeder sehen, daß die Puppen gut und teuer waren.

Der Ernst des Lebens begann
Irgendwann war die "nur-Spielen-Zeit" vorbei und ich wurde eingeschult. Ich war wohl ein schrecklich unruhiger Geist und war äußerst mitteilungsbedürftig. Das störte natürlich, denn in der Klasse wurden alle Schuljahre gleichzeitig unterrichtet. Immer eine Klasse, die anderen mußten sich beschäftigen mit Schreiben oder Rechenaufgaben machen. Es wurde also ernsthaft gearbeitet, Und wer ein bißchen clever war, konnte schon etliches aufschnappen, was bei den Größeren gerade dran genommen wurde.
Ich war ja während des Krieges bei meiner Mutti. Es gab nichts, und schon gar nicht Leder-Schuhe, nicht mal für Geld und gute Worte. Wir Kinder trugen Klotschen, auch zur Schule. Mutti hatte einmal für mich braune Schnürschuhe ergattern können, und ich sehe es noch, als wäre es gestern gewesen: Die Kostbarkeiten paßten nicht
und Mutti brach in Tränen aus.
Dies war unsere Schule, 1 Klassenraum für alle
Das waren die Klotschen, die im Klassenraum einen höllischen Lärm verursachten.
Es war angesagt, dicke Socken da drin zu tragen. Diese strickte Oma Meyer, die Mutter meiner Mutti. Oma Meyer trug den seltenen Namen Ilsabein, und ich konnte mich vor Lachen nicht wieder einkriegen, als ich ihn das erste Mal hörte. Bei Meyers wurden keine Zigarren gedreht, denn Meyers hatten einen kleinen Bauerhof. Bauerhof und schlechte Zeit? Ja richtig, auch dieser Hof sorgte mit für meine Verpflegung.
Es war nicht so sehr weit von Mutti zu Oma Meyer. Und in den Ferien war ich oft tagelang dort, nur zum Schlafen wollte ich ums Verrecken nicht da bleiben.
Auch während der Schulzeit hatten wir Kinder immer noch genug Zeit zum Spielen. Wenn die "blöden Ziegen" keine Lust hatten, ging ich oberhalb unseres Hauses zu Ilsemarie, deren Vater Apotheker mit eigener Apotheke in Bünde war. Wir bauten uns Hütten im nahen Wald, suchten uns Konservendosen und rührten aus Möttke einen Teig. Möttke nannte man die Lehmerde, und Wasser hatten wir aus einem Bach, der praktischerweise dort am Rande durch floß. Das zusammen verrührt war dann Möttke, und wir waren stolz, wenn unsere Möttke richtig schön glatt war. Illa und ich stritten wirklich sehr selten. Wenn es doch mal vorkam, daß ich beleidigt nach Hause ging, dauerte es nicht lange, bis der Ruf ertönte: "Renaaaaaaaaate, kommste spielen?"

In diesem Haus habe ich so manche schöne Stunde verbracht. So manches Mal habe ich dort mit essen dürfen, denn das war schon was Besonderes. Illa war meine beste Freundin, und sie hat mir von den Nachbarskindern auch am meisten gefehlt, als ich mit fast 10 Jahren aus Habighorst weg mußte.

Gegenüber von Illa wohnten -- ich nenne sie mal Krügers.
Frau Krüger war Schneiderin, sie hat glaube ich für das ganze Dorf schon Kleider genäht. Wenn Tante Krüger kam, nistete sie sich für etwa eine Woche bei uns ein. Muttis Nähmaschine wurde in die Mitte des Zimmers gestellt und dann wurde der Kleiderschrenk durchsucht nach Kleidern, die nicht mehr so gut waren. Von 2 Mutti-Kleidern nähte Tante Krüger dann 1 Renate-Kleid. Sie war äußerst geschickt, die Kleider waren wirklich sehr schön, und so hatte ich dann auch mal was, was die "blöden Ziegen" nicht hatten.
Tante Krügers Mann war Heilpraktiker und hatte das erste Auto in Habighorst, einen
schwarzen DKW mit roten Türen, soweit ich mich erinnere.

So eine Nähmaschine stand in Muttis Wohnzimmer.

An Regentagen war ich natürlich meistens im Haus bei Mutti. Wenn sie auch Zigarren drehen mußte; aber sie war da und konnte sich um mich kümmern.
Sie sang mit Vorliebe beim Zigarren drehen diese alten Küchenlieder,
so ist mir dieses am meisten in Erinnerung, was ich jetzt im Internet wieder fand:
1. Ein Kind von sieben Jahr,
Das eine Waise war,
Das Kind, es war so klug,
Nach seiner Mutter frug.
Ach lieber Vater mein,
Wo ist mein Mütterlein? -
Dein Mütterlein schläft fest,
Sich nimmer wecken läßt.
Da lief das arme Kind
Zum Friedhof hin geschwind
Und grub mit den Fingern ein Loch,
Ach Mutter, schläfst Du noch?
Ach liebe Mutter mein,
Ach könnt ich bei dir sein,
Die andre schlägt mich so sehr,
Vergönnt mir das Leben nicht mehr.
Ach gutes Kind, kehr heim,
eine andere Mutter ist dein.
Eine andere Mutter hab ich,
aber ach, sie liebet mich nicht.
Und gibt sie mir das Brot,
So wünscht sie mir den Tod;
Doch du, lieb Mütterlein, ja du
Gabst Butter und Honig dazu.
Und kämmt sie mir das Haar,
So blutets immerdar;
Doch du, lieb Mütterlein, ja du
Gabst bunte Schleifen dazu.
Und wäscht sie mir das Hemd,
So nimmt das Fluchen kein End;
Doch du, lieb Mütterlein, ja du
Sangst schöne Lieder dazu.
Und bringt sie mich zur Ruh,
Schlägt sie die Türe zu;
Doch du, liebs Mütterlein, ja du
Gabst mir den Segen dazu.
Am nächsten Morgenrot
Da war das Kind auch schon tot;
Am nächsten Morgenrot, ja Rot
Da war das Kind auch schon tot;
Am Abend weht der Wind
Übers Grab von Mutter und Kind
Am Abend weht der Wind, ja Wind
Übers Grab von Mutter und Kind
Ich habe mir dieses arme kleine Mädchen dann immer vorgestellt und eines Tages weinte ich dann bitterlich. Mutti lachte nur und sagte:
"Es ist doch nur ein Lied."

Und hier gleich noch eines:

Winter = Schnee


Und Winter ist Schlittenfahren, naß gewordene Wollstrümpfe
und so mancher blauer Fleck.

Man kann es sich kaum vorstellen, wie wir damals nach dem Krieg angezogen waren.
Da gab es keine Strumpfhosen, schön weich und warm.
Es gab auch noch nicht diese tollen Thermo-Hosen, die unsere Kinder heute tragen.
Mich graust noch heute, wenn ich an die kratzigen Wollstrümpfe denke, überhaupt,
wenn sie frisch gewachen waren.
Die Biester kratzten und wir waren andauernd beschäftigt, uns wiederum zu kratzen.
Mutti gab den Tip, die Strümpfe mit ins Bett zu nehmen, wo sie bei Körpertemperatur
weicher wurden und nicht mehr so kratzten. Sie wurden auch dann gerieben wie beim Waschen ohne Wasser.
Ich überlege gerade, wo denn in Muttis Klavierzimmer der Ofen stand, an dem ich mich
nach dem Schnee-Vergnügen aufwärmen konnte. Vor allen Dingen mußten die Klamotten wieder trocknen.
Ja, auch die vermaledeiten Strümpfe, die dann an die Stange gehängt wurden, die rund um den Herd herum lief.
Ob Oma Meyer die Wollenen auch gestrickt hatte? Ich kann mich nicht mehr dran erinnern.

Der Sommer war und ist unvergleichlich schöner

SOMMER, das war Barfußlaufen, Erfrischung in der Zinkwanne, in der es auch das
samstägliche Badevergnügen gab. Diese Wanne wurde morgens draußen in die Sonne gestellt, und bis nachmittags war das Wasser zum Plantschen warm genug.

Ich könnte hier jetzt ein ganzes Erinnerungs-Buch schreiben.
Es sind unzählige Begebenheiten, die ich erzählen könnte.
Ich glaube aber, daß diese reichen, um zu erkennen, daß ich während dieser Jahre eine unbeschwerte Kindheit verbringen durfte. Ich war eingebettet in Liebe und Verstehen.
Ich hatte Vertrauen in meine Mutti und ihre ganze große Familie.
Ich war geborgen. Ich bekam so viel Liebe, daß es für mein Leben gereicht hat
und ich konnte viel davon weitergeben und bekomme sie noch immer tausendfach zurück.
Danke Mutti.

Aus dieser Geborgenheit wurde ich dann jäh heraus gerissen, weil meine leibliche Mutter
alles dran gesetzt hat, mich nach Hause zu ihr zu bekommen. Sie, die uns Kinder bei Fliegeralarm allein in den Betten gelassen hat, um sich herum zu treiben, hat ihr Mutterrecht geltend gemacht und sie hat es durchgesetzt.
Sie hat damit einen nicht wieder gut zu machenden Schaden angerichtet.
Wäre sie nicht so verbohrt gewesen, hätte mein Leben ganz sicher einen anderen Verlauf genommen. Es wären ganz andere Vorraussetzungen da gewesen.
Hätte und Wenn und Aber nützt mir jetzt nichts, es ist anders gekommen.
Ich habe Mutti dann ja etwa 5 Jahre später "wieder gefunden", wie man hier im Blog an anderer Stelle lesen kann. Wir wohnten in Bünde, als wir geheiratet hatten. Samstags waren wir immer in Habighorst, das gehörte zu unserem Leben.
Mutti ist seit 1981 tot.
Sie war noch Gast bei der Konfirmation meiner Tochter Anja,
hat sich zu Hause ins Bett gelegt und ist friedlich eingeschlafen.
Meine Mutti, Tante Friede....
"wo sie war, war Fiede"
hat der Pastor bei ihrer Beerdigung gesagt.
