Rückfall?!
Patienten
und Angehörige, auch Therapeuten scheuen davor, sich mit dem
Rückfall zu befassen und die in der Therapie erreichten Veränderungen
auf
ihre Standhaftigkeit
zu überprüfen. Ganz
langsam setzt sich die Erkenntnis
durch, dass eine Therapie nur Sinn hat, wenn man der
Möglichkeit eines Rückfalls realistisch ins Auge
sieht. Dabei aber einer gezielten Maßnahme zur
Verhütung von Rückfällen entwickelt und ausgiebig
trainiert. Die meisten
Angehörigen von abstinent lebenden Alkoholabhängigen
haben Angst, von einem plötzlichen Rückfall
überrascht zu werden. Viele Male sind sie in der Vergangenheit
enttäuscht worden, als dass sie an dauerhafte Abstinenz
glauben konnten. Viele werden auch nach einer Langzeitabstinenz
automatisch unruhig, wenn ihr Partner sich wie früher
verhält, Trinkkumpels besucht oder dergleichen tut. Daher
möchten viele Angehörige dass Thema Rückfall
gar nicht anfassen, um "die alte Gewohnheit" nicht zu wecken. Dazu ist
die Einstellung der Betroffenen hiervon sehr unterschiedlich. Manche
sind verbittert, weil man ihnen trotz der langen Abstinenz noch nicht
voll vertraut. Es gibt viele Betroffene, die sich hierbei
überschätzen. Weil sie während der Therapie
ohne Schwierigkeiten trocken bleiben, gehen sie davon aus, dass es
immer so bleibt. Doch wollen sie sich auch mit den verschiedenen
Rückfallrisiken auseinandersetzen. Viele trauen sich nicht
darüber zu sprechen, weil sie Angst haben, sie
könnten rückfällig werden und ihre Umwelt
noch mehr misstrauischer zu machen. Wieder andere nehmen es sich gar
nicht erst richtig vor, trocken zu bleiben, da sie bei einem
Rückfall nicht zu sehr enttäuscht sind. Diese gehen
nach dem Motto "Das habe ich doch geahnt".
Gemeinsam
haben aber die Abhängigen und deren Angehörige keine
rechte Vorstellung davon, was sie zur Vermeidung eines
Rückfalls eigentlich unternehmen können. Darum kommt
der Glaube, die Therapie wird schon helfen. Jedoch muss der Patient
wollen, dann wird er schon nicht trinken. Zwei "häufigste
Erklärungen" eines Rückfalls drücken diese
Hilflosigkeit aus:
- "Ich weiß
nicht, wie es kam. Ich habe einfach wieder angefangen zu trinken."
-
"Bei diesem Problem war es kein Wunder, dass ich wieder
angefangen habe."
Die
beiden Fälle zeigen, dass der Rückfall als
unvermeidbar hingestellt wird und man eben keine
Einflussmöglichkeiten hatte. Diese Erklärungen taugen
aber nur kurzfristig zur Entlastung von Schuldgefühlen.
Langfristig würde das bedeuten, dass man immer mit einem
Rückfall rechnen muss, weil es keinen Schutz hierfür
gibt. Zum Glück weiß man aber viel mehr
über die Entstehung
und
über die Verhütung von Rückfällen.
Zunächst soll das schrittweise Zustandekommen eines
Rückfalls erläutert, dann die Möglichkeiten
erklärt werden, wie man das Risiko eines Rückfalls
verringern kann.
Was
ist "Rückfall"?
Es
entstehen nicht
selten Verwirrungen, was man überhaupt unter einem
Rückfall verstehen soll. Viele meinen von einem
Rückfall, dass der Betroffene wieder in seinem Element ist, in
sein altes Trinkverhalten zurückgefallen ist. Gelegentliches
Trinken zählt dann nicht unter das Motto: "Das ist doch
kontrolliert". Andere denken bei einer Schnapspraline wieder an
Rückfall und dem Motto: "Ein Tropfen Alkohol und Du bist
wieder drin".
>>"Ich
hatte auch versehentlich eine Schnapspraline
genommen, gegessen und verdaut. Ich meine, dass es
nur auf den Willen jedes einzelnen ankommt, um abstinent zu bleiben und diese einzelne,
unfreiwillige Schnapspraline macht nicht das Problem."<<
Zur
Klärung wird an dieser Stelle betont:
Ein
Rückfall ist das bewusste Einnehmen von Alkohol in jeglicher
Form nach der Zeit der Trockenheit.
Die
Schwere
und der Verlauf eines Rückfalls ist
jedoch sehr unterschiedlich:
- Der Betroffene
fängt sofort wieder nach dem ersten Schluck an, Alkohol in
größeren Mengen zu sich zu nehmen.
-
Es gelingt auch manchmal, nur mit wenig Alkohol durch
allmähliche
Steigerung im alten Trinkverhalten zu landen.
Dabei spricht man von einem schleichenden Rückfall.
- Betroffene
berichten manchmal auch vom einmaligen Ausrutscher, in
einer
Versuchssituation Alkohol getrunken zu
haben, wo es
dann für längere Zeit der einzige Vorfall gewesen ist.
Die kritischen
drei Monate und das verflixte erste Jahr
Es
wird gesagt, dass das Rückfallrisiko mit zunehmender
Abstinenzdauer steigt, weil Betroffene langsam
übermütig werden und die Erinnerungen an die Zeit des
Trinkens verblassen. In ähnlicher Weise befürchtet
man, das die Therapieeindrücke wie bei einem Farbanstrich
langsam verblassen könnten. Wissenschaftliche Untersuchungen
ergaben aber in Wirklichkeit bei vielen Rückfallbetroffenen
das Gegenteil: Um so länger die Person trocken bleibt, um so
geringer ist die Möglichkeit eines Rückfalls. Die
ersten drei Monate nach einer Therapiebehandlung besitzen die
größten Rückfallrisiken. Auch relativ viele
Rückfälle gibt es im ersten Jahr, wobei danach die
Rückfallrisiken seltener werden. Je länger man also
trocken bleibt, desto größer ist die
Chance, immer
trocken zu bleiben.
Realität
-
Risikosituationen
Eigenschaften
oder Lebensumstände einer Person sind entscheident, ob jemand
rückfällig wird oder nicht. Man hat Personen, welche
erfolgreich trocken lebten, mit solchen, welche nach einer Behandlung
Rückfälliger verglichen. Die Ergebnisse waren sehr
wiedersprüchlich. Daraus lassen sich keine guten
Schlüsse
ableiten, wer ein hohes und wer eher ein niedriges
Rückfallrisiko
besitzt. Es werden offenbar die Ereignisse nach der Entlassung aus
einer Behandlung entscheident sein. Die Frage, wer wird
rückfällig, wer nicht, ist sinnvoller gefragt, we
stärker Rückfallgefährtet ist und wer nicht.
Es zeigt
sich, welche schwere Schiksalsschläge da sind, die zu einem
Rückfall führen können. In
Ausnahmesituationen sind
viele Betroffene auf der Hut, um sich zu beweisen, dass sie es auch
"ohne" schaffen. Viele ganz alltägliche Situationen, die
bereits
problemlos bewältigt wurden, werden plötzlich zu
Rückfallsituationen, ohne dass es den Betroffenen vorher
schlecht
erging. Ein ganz normaler Tag kann den "Anfang" bringen.
Doch
fällt so ein Rückfall nicht einfach vom Himmel.
Mittlerweile
konnte man eine Reihe typischer Rückfallrisiken identifizieren
und
erwiesen sich.
Allein 60% aller Rückfälle
ereignen sich in dieser Situation:
-
unangenehme Gefühlssituationen (Langeweile,
Einsamkeit, Angst, Depressionen)
-
Ärger
und Konfliktsituationen (am Arbeitsplatz, Familie)
Die
übrigen 40%
ereignen sich in diesen Situationen:
-
angenehme
Situationen (ErfolgserlebniseVerliebtheit) -
körperliche Beschwerden (Schmerzen,
Schlafstörungen) -
Geselligkeit (Partys,
Familienfeier) -
plötzliches verlangen
(beim Anblick eines Biergartens) -
kontrolliert zu
trinken
Viele
Abhängige haben allerdings verschiedene Risikosituationen.
Meist
sind es solche, die früher eng mit einer angenehmen
Alkoholwirkung
verbunden waren.
>>Hier möchte ich
erwähnen, daas es
für mich eine
sehr gute Erinnerung gibt. Diese haben die
angenehmen Alkoholwirkungen
insofern damit verbunden, dass eine
frühere Freundin mir
helfen
wollte, mich vom
Alkohol fern zu halten. Ihre Worte
sind jetzt GOLD
wehrt, welche mir
halfen, endlich
den Alkohol abzuschreiben. Schon wegen
der Worte und
die Erinnerungen
daran, sowie die lange
Zeit der bisherigen Abstinenz"<<
Die
harmlosen Entscheidungen
Es
ist kein reiner Zufall, wenn man in eine Risikosituation geraten ist.
Viele harmlose Entscheidungen gehen davon aus und sehr oft ist es den
Betroffenen nicht bewusst, dass er durch Unachtsamkeit und
Selbstüberschätzung immer mehr in Gefahr
gerät. Die
Lebenspartner dagegen sind eher misstrauisch, wenn ein trockener
beschliesst:
-
nicht
mehr in die Selbsthilfegruppe zu gehen
-
für Gäste grössere Mengen Alkohol
im Haus hat -
niemandem zu sagen, dass er
alkoholabhängig ist -
bestimmte unangenehme
Dinge wie früher vor sich her schiebt -
mit
seinen früheren Saufkumpanen zusammen ist
Betonend
ist, dass er keinen gezielten Rückfall plant. Viel eher ist,
dass
seine Aufmerksamkeit nachgelassen hat und ungewollt das Risiko eines
Rückfalls hevorruft.
Suchtgedächtnisse
rosten nicht
Viele
Abstinenzler haben Erinnerungen an das, dass sie einfach wieder
getrunken haben und können sich deshalb nicht an das
Geschehene
erinnern. Wenn einer in diese Risikosituation geraten ist, ist es kein
Wunder, wenn das Suchtgedächtnis des Betroffenen wieder aktiv
ist.
Dann laufen Prozesse im Gehirn und automatisch ab.
-
die
Wahrnehmung ist auf Suchtmittel und damit auf Gegenstände oder
Gerüche fixiert -
der Handlungsspielraum
und Problemlösefähigkeiten sind eingeschränkt -
Stimmung und körperlicher Zustand
verändert
Selbst,
wenn sie von den Veränderungen nichts mitbekommen, konnten
doch
wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sie es erheblich schwer
haben, in der Risikosituation trocken zu bleiben. Andere Betroffene
erleben die sogenannten Rückfallgedanken. Dort erinnert sich
ein
Abhängiger an die angenehme Wirkung des Suchtmittels: "Mit
Alkohol
bin ich...". Oder die Ausrede für einen Rückfall:
"Der
Schluck...". Mit solchen Rückfallgedanken ist entschieden
häufig das deutliche Verlangen zur Wirkung des Alkohols
einhergehend. Annehmende Form des Verlangen kann sein:
-
ein
unmittelbarer Drang nach Alkohol,der sich durch Speichelfluss,
Herzklopfen oder
Durstgefühl ausdrückt -
an Entzugserscheinungen körperlicher Reaktion wie
Schwitzen oder Zittern -
angenehme
Gefühlszustände, als ob man Suchtmittel schon zu sich
genommen hat
Viele
Betroffene sind dadurch schockiert, durch die auftretenden
Rückfallgedanken und das Verlangen nach Suchtmittel. Die
Rückfallgefahr wird allerdings weiter erhöht, denn:
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ein
Rückfall droht dann, wenn Rückfallgedanken oder
Verlangen die Zuversicht des Betroffenen untergraben, auf Dauer ohne
Alkohol leben zu können!
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